Körperbehaarung im Trend

Als ich noch ein Kind war, und das ist ganz schön lange her, hat mich ein Film ganz besonders beeindruckt: Time Machine von H.G. Wells. Ein Erfinder reist mit seiner Zeitmaschine in die Zukunft und landet in einer Welt, in der der eine Teil der Menschheit oben auf der Erdoberfläche lebt, fröhlich, glücklich und haarlos bis auf das Haupthaar, während der andere Teil tief unten in der Erde haust, gefährlich, schuftend und komplett behaart. Wenn ich mich so umschaue, leben wir heute in dieser Zukunft – zumindest was die Körperbehaarung betrifft. Augenbrauen werden entweder bis auf einen schmalen Strich gezupft oder gleich ganz rasiert und stattdessen tätowiert nachgezogen, Männer rasieren sich den Schädel und beide Geschlechter lassen sich die Körperbehaarung auf die eine oder andere teilweise sehr schmerzhafte Weise entfernen.

Diese Art von Nacktheit ist Geschmacksache. Je mehr Menschen sich damit präsentieren, desto gewohnter wird der Anblick und desto eher wird aus der Ausnahme eine Norm, die dann plötzlich allen gefällt. Ich denke gerade an meine ersten Sauna-Besuche vor fünfzehn Jahren hier in Hamburg und an meine ersten entsetzten Blicke auf komplett nackt rasierte männliche Penisse. Nicht, dass Intimfrisuren an mir vorbei gegangen wären, aber das war doch etwas anderes. Damals war es einfach noch nicht üblich, dass sich auch dort Männer sämtlicher Haare entledigten. Und da hingen sie nun, diese kleinen unschuldigen bloßgestellten Sauna-Penisse, die in dieser Nacktheit etwas sehr Verletzliches an sich hatten. Für mich ist Körperbehaarung ein Teil der Männlichkeit, aber auch ich habe mich an diesen Anblick gewöhnt.

Je jünger die Menschen, desto mehr geben sich diesem Trend hin. 94 Prozent der 16 bis 19-jährigen Mädchen und 81% der gleichaltrigen Jungen entfernen sich ganz oder teilweise die Schamhaare. Das hat 2011 eine Studie des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie der Universität Hamburg ergeben. Viele fangen damit an, sobald sich die ersten Härchen zeigen. Sie wissen also gar nicht, wie sie mit Haaren aussehen. Die Gründe dafür liegen in Vorstellungen von besserer Hygiene und der Entdeckung der eigenen Sexualität. Und wie immer ist es gerade für Heranwachsende schwer, sich davon abzugrenzen, was die Mehrheit macht. Wenn wir hingegen bei der älteren Generation gucken, finden wir weniger Kult um die Körperbehaarung und Komplettrasuren im Intimbereich sind eher selten, gerade bei Männern.

Der Trend zur jugendlichen Nacktheit kann sich aber auch wieder umkehren. Und das tut er teilweise ja auch schon. Haare sind wieder in, zumindest im Gesicht. Wenn ich in Hamburg durch die Schanze schlendere, sehe ich immer mehr junge Männer mit Vollbart, von gestutzt bis hin zum Rauschebart. Je länger und gesichtsbedeckender, desto hipper. Und zu so einem Bart gehört doch wohl auch ein behaarter Körper, oder? Wenn das Tragen eines mächtigen Bartes bei Männern nun so wahnsinnig cool ist, was haben wir Frauen dem dann entgegenzusetzen? Unsere Achselhaare? Das wäre doch mal was. Richtig coole Frauen zeigen sich rebellisch mit buschigem Achselhaar. Das hat ja schon Nena in den 80ern geschafft und damit ein großes Medieninteresse geweckt. „Nena, wir lieben deine haarigen Achseln!“ stand auf großen Transparenten während eines Konzerts in England. Die Bilder gingen um die halbe Welt.

Nun gut, ich glaube selber nicht, dass Achselhaare in nächster Zukunft eine Renaissance erleben. Trotzdem sollte man sich genau überlegen, auf welche Weise man sich die Haare entfernt oder entfernen lässt. Denn Methoden wie das Waxing reißen auch die Haarwurzeln mit heraus und irgendwann kann gar nichts mehr nachwachsen. Das hört sich für den Moment ja sogar noch ganz toll an, kann aber auch zum Verhängnis werden. Nämlich genau dann, wenn Haare wieder in sind. Bei den Augenbrauen erleben wir das ja bereits. So viele Frauen haben sich jahrelang die Brauen zu einem ganz schmalen Strich gezupft, als das gerade Mode war. Und heute? Ja, da sind sie weg, die Haare, und nun werden wieder breitere Augenbrauen getragen. Und wer weiß schon, wie lange es dauert, bis wir Schamhaare wieder sexy finden?

Veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/die-vollkommene-nacktheit/

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