Liebe Deine Vagina

Die meisten Frauen wissen schon ganz genau, wie ihr Körper aussieht. Besonders oft stehen wir vor dem Spiegel und schauen uns an, was uns nicht gefällt. Schade eigentlich, denn dabei übersehen wir die Schönheit unseres Körpers. Allerdings gibt es da auch noch einen Bereich, dem so gar keine Beachtung geschenkt wird. Und das ist der zwischen unseren Beinen. Welche Frau setzt sich schon regelmäßig mit einem Spiegel in der Hand hin und schaut sich ihr Geschlecht an. Ganz im Gegenteil herrscht hier sogar eine erstaunliche Unkenntnis der weiblichen Anatomie. Wir haben ja drei Ausgänge da unten. Scheide, Harnröhre, und After. In welcher Reihenfolge? Ich habe das hier mal absichtlich durcheinander gebracht. Richtig liegt, wer Harnröhre, Scheide, After getippt hat. Männer wissen zumeist besser Bescheid über den Intimbereich ihrer Partnerin als diese selbst. Das kann doch eigentlich nicht sein, oder?! Woran liegt diese weibliche Zurückhaltung und wie können wir das ändern?

Mal wieder sind die Eltern schuld

Ja, das sind sie tatsächlich, denn der Grundstein wird schon in der frühkindlichen Sexualerziehung gelegt. Ich möchte aber hinzufügen, dass sie das natürlich nicht mit Absicht machen. Eltern kennen das: ihr kleiner Junge pinkelt in hohem Bogen quer über den Wickeltisch in Richtung Elterngesicht. Gejauchze, wie lustig, dieser kleine Penis, was der schon alles kann! Und er legt noch einen drauf und überrascht mit einer winzigen Erektion. Wow! So früh schon! Während der Penis also hervorsticht und förmlich nach Beachtung schreit, liegt das Lustzentrum eines Mädchens versteckt und wird oft mit Missachtung gestraft. Benannt werden Arme, Beine, Bauch, nur die Vagina scheint namenloses Terrain zu sein. Dass Eltern bei der ganzen Missbrauchsdebatte vorsichtig sind, ist absolut verständlich. Nur schleichen sich bei dem kleinen Mädchen erste Zweifel ein, ob das da unten alles so seine Richtigkeit hat. Und so geht es auch weiter. Während der Junge seinen Penis ausgiebig begutachten kann, müsste ein Mädchen schon zu den Zirkusattraktionen gehören, wollte es mit eigenen Augen bewundern, was es da zwischen den Beinen hat.

Irgendwann kommt es dann in der Pubertät oder sogar erst im Erwachsenenalter auf die großartige Idee, einen Spiegel zu Hilfe zu nehmen, um endlich nachzuschauen. Und da kommt oft die nächste Ernüchterung. Ich habe keine Zahlen, aber nach meiner Erfahrung finden nur wenige Frauen ihre Vulva auf den ersten Blick schön. Sehr viel häufiger stellt sich sogar ein Ekelgefühl ein. Männer können das kaum nachvollziehen. Zumindest für die Heterosexuellen ist das Geschlecht einer Frau ein ganz einzigartiger und absolut antörnender Anblick. Sie bekommen nicht genug davon, wollen es sehen, anfassen, schmecken, darin eintauchen. Mit Glück lernen die Frauen durch die Augen der Männer dann im Verlauf ihrer sexuellen Erfahrungen ihr eigenes Geschlecht lieben. Natürlich nur, wenn sie eine positive Rückmeldung bekommen. Deshalb appelliere ich hier an die Männer: Sagt eurer Liebsten, wie schön ihr ihre Vulva findet!

Überwindet Euch – schaut Euch an, berührt Euch und lasst Euch anschauen!

In der klassischen Sexualtherapie gibt es ein schöne Methode, die sich abgewandelt auch bei der orgasmischen Meditation wiederfindet: Die Betrachtung und Beschreibung des Genitalbereichs. Es erfordert etwas Mut von der Frau, aber es lohnt sich. Immerhin winkt ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Lust.

  1. Mit gespreizten Beinen setzt ihr euch bequem ins Bett, lehnt euch an und betrachtet mit einem Handspiegel zuerst oberflächlich den gesamten Genitalbereich und dann detailliert die inneren Labien. Welche Farbe und Form haben diese und wie fühlen sie sich an? Wo ist die Klitoris unter ihrem „Häubchen“, wo ist der Harnröhrenausgang, wo der Scheideneingang und wo Damm und Anus? Danach könnt ihr euch entspannen und überall am Körper streicheln.
  2. Im nächsten Schritt könnt ihr euch über Berührungen erforschen. Ihr könnt berühren, tasten und streicheln und dadurch herausfinden, welche Art und Stärke angenehm ist und wo ihr besonders sensibel seid. Manchmal hilft auch hier ein Spiegel, um zu sehen, wo ihr euch gerade befindet. Dabei könnt ihr auch eine Gleitcreme verwenden, da eure eigene Feuchtigkeit über eine längere Zeit nicht ausreichen wird. Und auch hier könnt ihr euch hinterher streicheln.
  3. Wenn ihr soweit seid, kann euer Partner dazukommen. Nun setzt er sich vor eure gespreizten Beine und beschreibt genau, was er sieht. Respektvoll und wertschätzend sollte das sein, damit ihr euch wohlfühlen und entspannen könnt. Und wieder darf hinterher gestreichelt werden.

Lasst euch dabei Zeit und geht immer nur so weit, wie ihr es in dem Moment könnt. Vielleicht mögt ihr zuerst nur kurz hinsehen und beim nächsten Mal schon etwas länger. Vielleicht dauert es, bis ihr Euch zu der Übung mit eurem Partner traut. Das ist völlig in Ordnung. Die Übung ist dazu da, diesen so oft vernachlässigten und ungeliebten Körperteil in das eigene Körperbild zu integrieren. Ein wunderbarer Nebeneffekt ist die Intimität, die sich einstellt, wenn ein Paar sich so nah ist. Apropos Paar, natürlich ist die Übung andersherum auch für euren Partner geeignet! Männer kennen zwar ihren Penis ganz genau. Aber was da noch so alles ist, wie die Unterseite des Penis, Hodensack, Damm und Anus, entzieht sich auch hier oft der Aufmerksamkeit.

Veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/vulva-schamlippen-klitoris-scheide-after-sind-nicht-haesslich/

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1 comment
Fred Lang says a couple of years ago

Zu diesem interessanten Thema möchte ich auf mein Projekt „Viva la Vulva!“ verweisen. Es geht dabei um eine etwas andere Sichtweise auf die menschliche Vulva – mit Beispielen für ihre Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit in Verbindung mit Bildern aus Fauna & Flora.
Viele Grüße
Fred
http://www.fred-lang.de/vulva2.html

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