Das Kunstobjekt Vulva

Kunst ist subjektiv. Kunst ist individuell. Kunst ist Ansichtssache. „Das hätte ich auch gekonnt. So ein paar Pinselstriche auf der Leinwand!“ Wer hat das nicht schon einmal selbst beim Anblick moderner Kunst gedacht. Nun ja, Kunst ist eben das, was wir dazu machen. Auch der Wert eines Kunstwerks bemisst sich nur selten am tatsächlichen materiellen Aufwand. Es ist vielmehr eine Sache von Angebot und Nachfrage. Der Drang des Menschen, sich kreativ zu betätigen, scheint schon den ersten Menschen in die Wiege gelegt worden zu sein. So sehen Forscher bereits in den steinzeitlichen Höhlenmalereien ein künstlerisches Treiben. Der menschliche Körper steht dabei seit jeher im Mittelpunkt des Interesses. Ganz besonders der nackte Körper.

Phallussymbole sind überliefert aus der Frühzeit, zusammen mit äußerst weiblich geformten Figuren, die als Fruchtbarkeitssymbole betrachtet werden und den ersten Kulturen der Menschheit entstammen. Knackige griechische Jünglinge in Marmor, barbusige Rubensdamen auf Leinwand. Ach, was sage ich, barbusig. Nackt bis auf das Häubchen zieren sie heute die Wände des Louvre in Paris und in all den anderen Kunsttempeln der Welt. Nacktheit allerorten. Die weibliche Scham sehen wir behaart, unbehaart oder mit Hilfe von drei Strichen als unverkennbares Zeichen der Weiblichkeit stilisiert. Dabei aber immer geschlossen. Und so fehlt etwas ganz Wichtiges: Die Abbildung der Vulva. Doch die Kunst durchdringt nun auch dieses Geheimnis.

Warum dürfen Männer, Frauen aber nicht?

Alles begann mit Jamie McCartney. Der „Vagina-Künstler“ schuf ein Kunstwerk aus 400 Vulvas. Noch einmal kurz zur Info: Als Vulva wird der äußere Bereich des weiblichen Geschlechts bezeichnet, also der Teil mit den äußeren und inneren Lippen, der Klitoris und dem Vaginaleingang. Strenggenommen trägt nur der innere Bereich den Namen Vagina. Die Sexologin Ann-Merlen Henning hat für beides zusammen den zauberhaften Begriff Vulvina geprägt. Aber zurück zum Thema. Es ist großartig, dass sich Künstler und Künstlerinnen heute ganz explizit der Vulva widmen. Denn während wir Penis samt Hodensack schon von den erwähnten Statuen der Antike kennen, herrscht in dieser Hinsicht bisher doch eher künstlerisches Niemandsland.

So freizügig wir auch sind, der Anblick geöffneter Frauenschenkel scheint immer etwas Pornografisches an sich zu haben. Etwas Unaussprechliches. Nicht nur in Filmen oder auf Bildern. Auch in anderen Bereichen. Nehmen wir einmal die Sauna. Männer lassen ihre Kronjuwelen locker zwischen den Beinen baumeln und scheuen sich auch nicht, beim Bücken deren Rückansicht zu zeigen. Das Vergnügen hatte ich gerade erst wieder. Frauen hingegen haben züchtig die Beine geschlossen zu halten. Anderseits könnte man schon fast von der Erregung eines öffentlichen Ärgernisses ausgehen.

Die Entmystifizierung des weiblichen Körpers

Aber warum darf ALLES gezeigt werden, nur nicht die Vulva? Steckt da immer noch eine unbewusste gesellschaftliche Zensur dahinter? Lange genug wurde die Sexualität der Frau als gefährlich, alles verschlingend angesehen. Das zeigt Auswirkungen bis heute. Frauen haben viel mehr Hemmungen, ihre eigene Lust wahrzunehmen und anzuerkennen. Und es geht so weit, dass Frauen ihre Vulva selber als hässlich erleben. Sie haben keine emotionale Verbindung zu einem wichtigen Teil ihres Körpers. Das hemmt natürlich auch in der Sexualität.

Zudem fehlt schlichtweg der Vergleich. So wenig wie Männer die Erektionen ihrer natürlichen Geschlechtsgenossen kennen, sehen Frauen andere Vulvas. Vergleiche kommen zumeist aus dem Porno und dass dies nicht die Realität widerspiegelt, wissen wir alle. Die Bilder verstärken noch den Eindruck, alles andere, das nicht glatt und gerade ist, sei unnormal. Dabei übersehen wir jedoch, dass jede Vulva so individuell aussieht wie ihre stolze Besitzerin. Es gibt eine unglaubliche Variabilität, wenn es um Form, Farbe und Größe der einzelnen so wunderbaren Komponenten geht.

Jede Vulva ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Vulvas in der Kunst als Gemälde, Fotografie oder auch Gipsabdruck zeigen genau diese Vielfalt. Und sie besänftigen unseren inneren Widerstand gegen diesen Teil unserer Weiblichkeit, indem wir ihn zum Kunstobjekt erheben, zu etwas, auf das wir mit Recht stolz sein können. Deshalb sage ich „Daumen hoch“ für die Vagina-Kunst! Zeigt her Eure Vulvas, zeigt her Eure Weiblichkeit! Und schaut Euch diese Kunstwerke an. (Wie z.B. im Video von Vagina-Künstler Mirko Hecht.) Sie zeigen Euch, wie schön Frauen sind.

 

Veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/ein-hoch-auf-das-kunstobjekt-vulva-vagina-scheide/

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1 comment
gefangeninderhose says last year

du bist zu weit in der zukunft, die menschen im hier und jetzt sind heuchler mit einer doppelmoral…… vulva und penis sind immer ein foto wert, das ist meine meinung.

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