Was Frauen und Männer wirklich unterscheidet

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken: Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen“ – Bücher dieser Art, in denen die angeblich wissenschaftlich bewiesenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen beleuchtet werden, sorgen nicht nur für Verständnis für das jeweils andere Geschlecht. Sie schaffen auch ganz klar Vorurteile. Vor allem auf einer Seite, nämlich auf der der Frauen. Immerhin sind wir es, die viel eher zu Beziehungsratgebern greifen und lesen, was uns da so alles vorgesetzt wird. An Männern geht das schon mal vorbei. Die schneiden in den Ratgebern dafür umso schlechter ab. Und das ist gar nicht gut. Was steckt also wirklich hinter dem Vorurteil, Männer und Frauen stammten von verschiedenen Planeten?

Typisch weiblich? Typisch männlich? Pustekuchen!

Gar nichts steckt dahinter. Und das können wir schon sehen, wenn wir uns nur einmal in unserem Freundes- und Bekanntenkreis umsehen. Kennen wir nicht alle auch Frauen, die handwerklich begabt sind? Männer, die sehr redegewandt sind? Frauen, die sich gern zurückziehen und Männer, die sehr empathisch sind? Diese Menschen sind nicht nur Ausnahmen, sie sind Teil der gesamten Bandbreite menschlicher Vielfalt. Besonders deutlich wird das an homosexuellen Beziehungen. Hier wird oft ernsthaft die Frage gestellt, wer die Rolle des Mannes und die der Frau innehat. Wer die Antworten mit den Stereotypen aus heterosexuellen Beziehungen vergleicht, wird schnell feststellen, dass sich hier alles grundlegend vermischt und es eben keine Stereotypen gibt.

Auch den Psychologen Harry Reis von der University of Rochester schienen die Klischees aufzustoßen. Er hat zusammen mit seiner Doktorandin Bobbi Carothers im Rahmen einer Metastudie 13 Studien zu Geschlechtsunterschieden untersucht und dabei herausgefunden: Männer und Frauen sind in der Tat nicht so unterschiedlich, wie uns die populärwissenschaftliche Literatur glauben machen möchte. In seiner Analyse von 122 Charakteristika bei 13.000 Personen ging es vor allem um das Verhalten in Beziehungen, um Intimität und Sexualität und Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit und Verträglichkeit. Fakt ist, dass sich Männer und Frauen vor allem in Größe und Gewicht unterscheiden. Fakt ist auch, dass Männer sich eher fürs Boxen und Frauen für Kosmetik interessieren. Das ist nun auch wenig überraschend. In allen psychologischen Merkmalen jedoch besteht eine große Ähnlichkeit zwischen den Geschlechtern.

Hinter die Fassade der Vorurteile blicken

Vorurteile führen oft dazu, dass man sich mit einer Situation gar nicht mehr auseinandersetzt. Schließlich scheint das entsprechende Verhalten ja quasi naturgegeben ergo nicht veränderbar. „Soso, Dein Mann redet nicht über die Beziehung. Tja, da kann man nichts machen. Männer reden eben nicht viel.“ Stimmt nicht. Jeder kann an sich arbeiten. Das ist eine Frage der Motivation. Und eine Frage des „Wie“. Wie können wir besser miteinander reden? Wer also glaubt, über eine einzelne Person aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit urteilen zu können, liegt falsch. Wir sollten uns davon lösen, unsere Welt strikt in männliche und weibliche Eigenschaften zu unterteilen. Denn dabei übersehen wir viel zu viel. Es gibt sowohl einfühlsame als auch weniger empathische Männer wie Frauen. Manchmal dauert es ein wenig, bis wir das erkennen. Und wenn Euer Partner das nächste Mal nicht reden will oder Eure Partnerin belanglos über den Alltag plaudert, liegt das mit Sicherheit nicht am Geschlecht!

Veröffentlicht auf https://www.orion.de/blog/was-frauen-und-maenner-wirklich-unterscheidet/

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1 comment
Christoph Hurst says 6 months ago

Hey Anja, schöner Artikel! Es ist wirklich kacke, dass man als Mann oder Frau so oder so zu sein hat! Wo das schön heraus kommt, wie Geschlechterbilder in den Köpfen stecken, umgeworfen werden, aber dann irgendwie die Realität und das Bild nicht mehr zusammenpassen sieht man bei Warren Farrel sieht. Hier sein Buch „Mythos Männermacht“ auf englisch als Audiobook auf Youtube: https://youtu.be/L8Raufh8fP8

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